SatirSpiegel im brettl-Format v. 10. Juli 2018

 

Das Sommerloch ist schon dicht.

Wir befinden und gegenwärtig in einer Jahreszeit, in der das Sommerloch mit zweit- und drittrangigen Ereignissen, also mit medialem Restmüll gefüllt wird. In Ermangelung eines eigenen Königs oder Königin, dienen Ersatzhelden wie Boris Becker oder Retortenschönheiten wie Heidi Klum mit ihren Eskapaden als Themen. Und da fängt man an, sich auszumalen, wie es wäre, wenn man dem Bobbele und der Heidi nun eine ganz neue gemeinsame Affäre andichten würde. Geht nicht, korrigiert man sich dann schnell, um nicht die gesamte Informationsvielfalt in unserem Lande zu gefährden. Oder man baut die Geschichte noch aus und kommt im Ergebnis dazu, dass Boris der heimliche Sohn vom Fußballkaiser ist, den dieser mit der Sekretärin vom ehemaligen Ministerpräsidenten Seehofer hat. Doch das ist eine andere Geschichte, die anderweitig schon verbraucht wurde.

Zum Glück sind jedoch all solche Gedanken sind müßig. Das Sommerloch ist schon proppenvoll, besetzt von einer hünenhaften Gestalt, die sich zwischendurch mal etwas ungelenk holzpuppenartig vor irgendwelche Mikrophone bewegt. Darauf zu warten, bis er das Sommerloch frei macht, braucht einem gar nicht in den Sinn zu kommen, denn schon produziert er neuen politischen Müll und nutzt das Loch wenigstens als Zwischenlager. Oder, was noch viel raffinierter ist, er tut so, als ob er dort etwas Wichtiges deponiert habe. Doch nicht mit dem aufmerksamen brettl-im-blog. Wir decken auf.

 

Seehofers neue Kleider

  

ein republikanisches Märchen aus dem deutsch-bayerischen Heimatmuseum. Nach Hans Christian Andersen (1837) in der umgeschneiderten Version von Lothar Schäffner (2018)

Es ist inzwischen 2018 und damit 181 Jahre nach Erscheinen des Märchens von Hans-Christian Andersen „Des Kaisers neue Kleider“. Die staatpolitischen Verhältnisse haben sich inzwischen veränderten. Aus der Monarchie ist eine Republik geworden. Die Herrschaft eines einzelnen ist beendet, sie ist inzwischen geteilt und auch der Herrscher oder neuerdings auch die Herrscherin muss sich mit ihren Ministern und Ministerinnen abstimmen und damit auch einen Teil ihrer Macht abgeben. Der Streit unter den Höflingen hat dabei aber nicht abgenommen.

Oberhofmarschall Horst Seehofer, hat bei der Verteilung der Macht am lautesten geschrien und das wichtigste Amt, das zu vergeben war, an sich gerissen. Es ist das zur Verteidigung der reinen Heimat. Sein ganzes Streben war, alle abzuweisen, die auf irgendeine Art und Weise so z.B. durch Vortäuschen einer Flucht vor Krieg oder auch Armut in seine Heimat einzudringen versuchen. Mit der Zeit haben sich aber auch die Art der Waffen veränderten, mit denen heute die Heimat verteidigt wird, Burgen, Kanonen und Lanzen tragende Reiter sind verbannt. Neuere müssen her und Oberhofmarschall Horst ersann mit seinen finsteren Gesellen eine völlig neue Waffengattung und zwar die der neuen Kleider. Er wollte sich und seine Schützer an den Grenzen mit so prächtigen Kleidern ausstatten, dass alle Fremdlinge, die das sahen von sich aus sagten, das ist ein so prächtiges Land, da haben wir nichts zu suchen, da müssten wir uns ja schämen.

Zwei windige Gesellen, Plagiatoren von Bogner und Lodenfrey aus der heim(at)lichen Hauptstadt hörten von der Idee, machten dem Oberhofmarschall ihre Aufwartung und versprachen, binnen weniger als zwei Wochen jedem Bürger ein solches Gewand zu schneidern. Diese hätten zudem den wunderbaren Vorteil, dass sie nur von denen gesehen werden können, die nicht dumm oder sonst sozialistisch orientiert sind. So wäre es also möglich, die Richtigen von den Falschen zu trennen und der Gruppe der Ober-Richtigen auf Dauer die Macht zu sichern. Wie wollt ihr denn das bewerkstelligen, in so kurzer Zeit für so viel Menschen, wurden sie gefragt. Kein Problem zur Not helfen uns all die Schneider aus den benachbarten Ländern Ungarn und Österreich. Nur ruhig, sagten die, die gerade erst Gesellen waren: wir haben einen wahrhaft meisterlichen Plan. Der Oberhofmarschall war begeistert und erteilte sofort den Auftrag, sich an die Arbeit zu machen. Die windigen Gesellen bauten in ebenso windiger Eile zwei Webstühle auf und machten sich an die Arbeit. Als der Oberhofmarschall einmal vorsichtig um die Ecke schaute und unsicher war, ob hier überhaupt gearbeitet wurde oder gar ein Plan zu erkennen war, bat er einen seiner oberen Vasallen, den Unter-Hofmarschall Markus. Auch der versicherte, aus Angst, für dumm gehalten zu werden, alles sei im Plan, konkret im Masterplan.

Als diesen auch eine heimliche Angst beschlich, ob alles rechtens sei, bat er den lautstarken und großkarierten Herold Alexander, sich der Angelegenheit anzunehmen. Und dieser wiederum lernte dabei das Fürchten und schlug vor, dass alle Oberen aus dem Gefolge Seehofers sich mit der Sache befassen sollten und wiederum traute sich keiner zu sagen, dass er keine Kleider sehe und auch keinen Plan erkenne. Aber alle fanden ihn prima und stimmten ihm vereint zu.

Die betrügerischen Gesellen taten so als würden Sie nähen, sammeln, die Kleider an alle Grenzen des Landes transportieren und gaben die Anweisung, dass jeder nun sein kostbares Gewand anziehen sollte. Alle taten dies. Und als die Fremdlinge dann an die Grenzen kamen und all die Nackten sahen, liefen sie sofort schreiend davon. Sie wollten nicht in ein Land, in dem es den Menschen noch schlechter ging als ihnen in ihrem ehemaligen zu Hause. Die Menschen in unserem Land blieben nackt und dumm, ohne dass sie es wahrhaben wollten. Und wenn sie nicht gestorben sind, so frieren sie sich eines Tages zu Tode, ohne es zu wissen, warum.

 

Da kann nur Mutti helfen

 

Wir als Öffentlichkeit können im Grund genommen nur erstaunt zuschauen, was auf der politischen Bühne alles so abläuft und uns ängstlich fragen, wer kann hier noch helfen und es gibt hierauf nur eine Antwort. Das kann nur Mutti. Sie alleine hat genügend Erfahrung im Umgang mit Jungens, die gerade in der Trotzphase sind.

Was man ihr international zutraut

Quelle: Stuttgarter Zeitung 11. Juni 2018 S. 1 Foto AP

 

Sollte ihr auch bei dem bayerischen Buben Horst gelingen.

  

Quelle: DPA

 Muttis Vorgehen entspricht dabei dem der meisten Muttis vor ihr. Erlaube es dem Buben, die Erfahrungen selbst zu machen. Auch wenn er sich dabei selbst weh tut. Das muss er aushalten. Das hat er dann wohl selbst zu spüren bekommen, als er mit seinem im Grunde genommen gleichgesinnten Sebastian Kurz gerungen hat. Erstaunt musste er zur Kenntnis nehmen, dass dieser nicht freudig bereit ist, abgewiesene Flüchtlinge wieder zurückzunehmen und von seinem Versprechen abzurücken, keine Verträge zu Lasten Österreichs abzuschließen.

Da war der Österreichische Kanzler nicht so, wie er sich gerne selbst darstellt. Also der Kurz, der ideale Schwiegersohn für Eltern, die in der Wiener Vorstadt einen klassischen Herrenausstatter betreiben, auch für schlanke Größen. Er scheint noch in der Zeit stehen geblieben zu sein, in den man die Töchter zur Tanzstunde mit einem Strauß rosa Nelken für die Mama (aufgepeppt mit etwas Asparagus) abgeholt und dabei versprochen hat, das Kind pünktlich wieder nach Hause zu bringen und dann tatsächlich dieses Versprechen Minuten genau einhält.

Also dieser Kurz, der sich die Mühen eines Jurastudiums gespart und durch den Plan ersetzt hat, statt fertige Gesetze auswendig zu lernen, selbst welche zu machen, die er dann sich leichter merken kann. Wenigsten das hat er mit vielen anderen Politikern auch aus dem eher linken Lager gemeinsam.

Man konnte sehen, wie zerrupft Seehofer aussah, als er aus dem Haus am Ballhausplatz freundlichst herausgeleitet wurde. Auf eines muss er sich einstellen: Wer das Auge des Hurrikans verlässt, und das wird er irgendwann müssen, wird von dem Wirbel, den er verursacht hat zwangsläufig erfasst.

Was er dann aber noch nicht weiß, eine Rückreise nach Berlin ist kaum möglich, denn eines ist inzwischen klar:

 

Seehofer verweigert sich die Einreise nach Berlin selbst.

Hat noch niemand Seehofer gewarnt, oder lassen ihn seine bayerischen Feind-Freunde bewusst ins Abseits laufen. Vor der Totalität des Söder’schen Machtanspruch nach Berlin geflohen, hat Seehofer im Grund genommen nur eine Begriffskorrektur gerettet. Dadurch, dass die „Obergrenze“, wenigstens sprachlich gefallen und durch den „atmenden Deckel“, – was für eine Formulierung, die jeden Karikaturisten an die Werbung für Toilettengeruchsbeseitigungsmittel erinnert – wenn also Seehofern schwer hechelnd gerade noch unter den preußischen Deckel schlüpfen konnte, verwehrt er sich dies in Zukunft selbst . Er, der schon in dem freiesten der beiden deutschen Freistaaten registriert wurde, müsst nun eigentlich von den preußischen Grenzsoldaten abgewiesen werden. Staatenlos, heimatlos, Posten los. Da kann brettl-im-blog nur raten: Seehofer bleib in Deinem Horst. Wer vogelfrei ist, kann sich am besten nur als ein solcher tarnen. Schon komisch?

Da kann ihm auch nicht sein wiederbelebter Vorvorgänger Edmund Stoiber mehr helfen, den er als großen Bruder zu den Verhandlungen um die Fortsetzung der Unionsgemeinschaft mitgebracht hat und bei dem SPD-Vize Ralf Stegner, sonst nicht unbedingt ein Ausbund von ausgelassener Heiterkeit, zu der sarkastischen Bemerkung geführt hat.

Das kennt man sonst nur aus Indianerbüchern, dass alte Häuptlinge nochmals aus ihrem Zelt kriechen, wenn ein Stammesopfer dargebracht wird“, Quelle: Rasmus Buchsteiner u.a. „Feindschaft mir Folgen. HAZ 03. Juni 2018 S.3

 Wir sagen dazu nur, lieber Herr Stegner, wenn Sie nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik eine sinnvolle Tätigkeit suchen, können Sie sich gerne bei brettl-im-blog als Gastkommentator nützlich machen. Ein manchmal sinnvolles Lächeln zwischendurch werden wir Ihnen dann auch noch beibringen.

 

Gibt es nicht noch andere Themen?

Ja, Fußball und die Reportagen über dieses Ereignis

 Ein Thema hätte es noch gegeben, wenn es sich nicht von selbst erledigt hätte: Fußball. Und schon wieder lässt einen die Assoziation zu Seehofer nicht los. Fußball hat sich als Thema erledigt und zwar durch ein (frei-)williges Ausscheiden. Wäre das nicht ein Vorbild?

Was bei der WM allerdings zurückbleibt, sind erschöpfte Reporter und Moderatoren, die mit aller Gewalt versucht haben, Spannung zu erzeugen, wo kaum eine war. Und vielleicht kommen einem ganz dunkel Erinnerungen an den Physikunterricht und die einfachsten Methode Strom zu erzeugen. Der Bandgenerator. Man dreht einfach am Rad und wiederholt sich immer und immer wieder. Und jeder wird es einsehen, das verbraucht Menschen. Nicht von ungefähr werden Sportjournalisten als das Prekariat des Journalismus bezeichnet. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Medienanstalten immer wieder nach frischem Blut suchen. Brettl-im-blog plädiert dabei für eine beschäftigungspolitische Lösung, die die Journalisten tariflich absichern soll und schlägt die Eingliederung der Sportreporter in das Berufsfeld der Verkäufer ein. Die konkrete Bezeichnung lautet: Fachverkäufer für Worthülsen und lässt sich dann noch weiter ausdifferenzieren in Fachverkäufer für Worthülsen in der Konfektionsabteilung und Fachverkäufer für Worthülsen am Krabbeltisch

Vielleicht hilft unseren Lesern und Hörern eine Kurzbeschreibung des Berufes.

Worthülsenverkäufer sind Vermittler von Botschaften auf eine weitgehend standardisierte Produktionsweise. Sie unterscheiden sich von Autoren allgemein insbesondere von ernsthaften Journalisten im Besonderen durch die Benutzung weitgehend vorgefertigter Formulierungen und Meinungen. Je nach Argumentationsniveau arbeiten sie entweder nach dem Konfektionsprinzip oder dem Krabbeltischzugriff.

Diejenigen, die nach dem Konfektionsprinzip arbeiten, nennt man in der medialen Arbeitswelt üblicherweise Moderatoren, die nach der Krabbeltisch-Methode zugreifen, Reporter.

 

Moderatoren haben die Aufgabe in den Bericht über ein Ereignis einzuführen und schließlich auch deren Ende herbeizureden. Letztlich geht es darum, die Zuschauer und Zuhörer möglichst lange bei der Stange zu halten, um eine möglichst lange Sendezeit zustande zu bringen, die dann wiederum als Werbezeit verkauft werden ann. Sie sind im wesentlichen Repräsentanten ihrer Institution und haben diese ins rechte Licht zu setzen. Durch das geschickte Aneinanderreihen von passenden Konfektionsteilen werden in vehementer Geschwindigkeit und atemloser Präsentation Wortkollektionen zusammengestellt, die man durchaus mit dem Namen der sie zusammenstellenden Stilikonen verknüpfen kann. Ist der Ausstoß der Wortkollektion fehlerfrei d.h. ohne Versprecher gelungen, belohnen sich die Moderatoren selbst durch ein kurzes aber deutliches Aufatmen und einem Lächeln in die Kamera, das dann, wenn diese nicht wegschwenkt als angeknipst stehen bleibt und unter Charme-ökonomischen und auch –ökologischen Gründen als peinliche Vergeudung wirkt.

Reporter haben die Aufgabe, ein aktuelles Geschehen zu beschreiben und dies in möglichst einfachen Bildern und das mit wechselnden Worten. Ein schneller Zugriff auf zusätzliche Informationen der agierenden Sportler, wie z.B. Kinderzahl, religiöse Bindung, Lieblingsessen, frühere Partner bzw. Partnerinnen, Gehalt usw. lassen keine akustischen Pausen entstehen, die dem Zuschauer peinlich erscheinen mögen. Dabei ist die Abwechslung in der Begrifflichkeit durch ein möglichst gekünsteltes Repertoire für die unterschiedliche Bezeichnung derselben Sache unbedingte Voraussetzung. Ein kleiner Geheimtipp lernen sie bei einer Bewerbung ein Synonymlexikon auswendig und sichern Sie den schnellen Zugriff auf das Gleiche mit ständig wechselnden Wörtern durch ein Frage und Antwortspiel ab, das Sie gerne im Freundkreis regelmäßig durchführen.

Und was zählt mehr als Geld?

Und unabhängig davon, ob man Sie zum journalistischen Prekariat zählt, unabhängig, wie schlecht Sie bezahlt werden, eines ist gesichert. Wenn Ihre Anstalt das Monopol hat über ein bestimmtes, besonders beliebtes Sportereignis zu berichten, müssen Ihnen Millionen von Menschen zuhören. Und selbst, wenn einige oder sogar viele Zuschauer genervt den Ton abdrehen, zahlen müssen sie ihn dennoch. Mehr Macht geht kaum!!!

Machen Sie’s gut. Bis zur nächsten Ausgabe.

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